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Braunkehlchen- und Wiesenpiepertagung in Burbach-Holzhausen

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Vom 16. bis 17. April 2016 trafen sich 35 Fachleute aus Verwaltung, amtlichem und ehrenamtlichem Naturschutz in der Alten Schule in Burbach-Holzhausen zu einer Expertenveranstaltung. Die Vogelschutzwarte des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, die Biologische Station Siegen-Wittgenstein sowie die Natur- und Umweltakademie des Landes NRW hatten alle Anwesenden zu dieser Expertentagung eingeladen, um die kritische Situation der stark gefährdeten Braunkehlchen und Wiesenpieper im nordrhein-westfälischen Mittelgebirge aufzuzeigen und um über möglichst effektive Schutzmaßnahmen zu diskutieren.

Wiesenbrütertagung in Burbach Holzhausen, Fotos Michael Frede

Wiesenbrütertagung in Burbach Holzhausen, Fotos Michael Frede

Der Veranstaltungsort war im Vorfeld bewusst gewählt worden, da Holzhausen in unmittelbarer Nähe zu den mit derzeitig ca. 80 Revieren nrw-weit bedeutendsten Braunkehlchenvorkommen „Wetterbachtal“ und „Buchhellerquellgebiet“ im Vogelschutzgebiet „Wälder und Wiesen bei Burbach und Neunkirchen“ liegt.

Bei durchwachsenem Samstagswetter lauschten die Anwesenden in der gemütlichen Atmosphäre der „Alten Schul“ den eingeladenen Referenten aus NRW sowie jenen aus dem angrenzenden, Hessen, Rheinland-Pfalz und Belgien.

Michael Jöbges von der Vogelschutzwarte NRW und Michael Frede von der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein begrüßten die Teilnehmer im Namen der Veranstalter und wiesen auf die Bedeutung der Veranstaltung für den Schutz von Braunkehlchen und Wiesenpieper in NRW hin. Auch Ulrich Krumm, erster Vorsitzender des Heimatvereins Holzhausen und Mitbetreuer der „Alten Schul“ hieß alle Anwesenden herzlich willkommen. Neben einem kurzen Abriss über die im Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ mit Gold ausgezeichnete Ortschaft Holzhausen , wies Herr Krumm u.a. auch auf die Kooperation zwischen dem Heimatverein Holzhausen und der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein im Rahmen von naturkundlichen und kulturellen Veranstaltungen im Bereich des Wetterbachtales hin.

Veranstaltungsteilnehmer Braunkehlchen- und Wiesenpiepertagung Burbach-Holzhausen, Foto Peter Fasel

Veranstaltungsteilnehmer Braunkehlchen- und Wiesenpiepertagung Burbach-Holzhausen, Foto Peter Fasel

Bettina Fels von der Vogelschutzwarte NRW begrüßte die Teilnehmer ebenfalls und moderierte den ersten Vortrags- und Diskussionsblock.

Der Braunkehlchenspezialist und deutsche Sprecher der International Whinchat Working Group Dr. Hans-Valentin Bastian aus Kerzenheim eröffnete die Vortragsreihe mit dem Thema „Braunkehlchen in Europa: Von der Allerweltsart zur Rarität“. Dr. Bastian zeigte anhand von vier Themenblöcken auf, dass wir uns ernsthafte Sorgen um den Bestand des Braunkehlchens machen müssen:1. Aktuelle Situation des Braunkehlchens in Europa
2. Historie und Situation des Braunkehlchens in Deutschland,
3. Braunkehlchen – allein Opfer der modernen Landwirtschaft?
4. Wie kann es weiter gehen?
Fazit 1: Moderne intensive Landwirtschaft verdrängt Braunkehlchen heute auch aus
individuenstarken Ländern Osteuropas
Fazit 2: Moderne intensive Landwirtschaft verdrängt Braunkehlchen aus Deutschland
Fazit 3: Landwirtschaftliche Einflüsse sind proximate Rückgangsursachen, andere
Faktoren verschärfen die Lage weiter.
Fazit 4: Quo vadis? Wird es gelingen, ausreichend Lebensraum zu schaffen, bzw. vorhandenen zu erhalten?
Die von Ost- nach Westeuropa zunehmenden Bestandseinbrüche des Braunkehlchens zeigen klar auf, dass dieser Bestandsrückgang nicht auf die, leider bis zur Gegenwart praktizierten Vogeljagd in den Durchzugs- und Überwinterungsgebieten zurückzuführen ist, sondern auf die Folgen der europäischen Agrarpolitik.

Michael Jöbges, Braunkehlchen- und Wiesenpiepertagung Holzhausen, Foto© Sabine Portig

Michael Jöbges, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Vogelschutzwarte NRW und Mitglied der Arbeitsgruppe Wiesenbrüter NRW referierte über den dramatischen Bestandsrückgang von Braunkehlchen und Wiesenpieper in Nordrhein-Westfalen und dessen Ursachen bzw. über diesbezügliche, offene Fragen. Er zeigte auf, dass die landesweiten Braunkehlchenbestände seit 1994 um ca. 45% auf derzeitig noch ca. 180 bis 190 Reviere und die des Wiesenpiepers seit 1980/1990 um ca. 80% auf derzeitig ca. 1000 bis 1500 Reviere zurückgegangen sind und dass die Ursachen der Rückgänge beider Arten in der Intensivierung der Landwirtschaft zu suchen sind. Michael Jöbges kommt bzgl. der nordrhein-westfälischen Braunkehlchenvorkommen zu folgendem Fazit:• Die landesweite Abnahme hält an.• Die Konzentration der Brutvorkommen liegt in den Mittelgebirgen• Die Fokussierung liegt auf wenigen Schutzgebieten.

• In der Normallandschaft ist die Art nahezu ausgestorben.
• Es ist eine Isolierung und Fragmentierung der Vorkommen erkennbar.
• Die Habitatentwicklung in den NSG muss verstärkt werden.
• Die Betreuung der NSG durch Biologische Stationen, Behörden und Verbände, sollte zukünftig auch die Erfassung des Bruterfolgs beinhalten.
• Hohe Verluste sind auch auf dem Zuge (u.a. Mittelmeerraum) erkennbar.

Bzgl. der nordrhein-westfälischen Wiesenpieperbrutpaare zieht er folgendes Fazit:
• Es gibt eine deutliche Bestandsabnahme in Mitteleuropa.
• Der Rückgang ist in Nordrhein-Westfalen erheblich.
• Die Art ist aus der Normallandschaft nahezu verschwunden.
• Die Konzentration der Vorkommen liegt in gemanagten Schutzgebieten.
• Es ist eine Isolierung und Fragmentierung der Vorkommen erkennbar.
• Die Habitatoptimierung in den NSG muss deutlich verstärkt werden
• Die Betreuung der NSG soll weiterhin durch Biologische Stationen, Behörden und Verbände erfolgen.

Bettina Gräf, Foto Sabine Portig

Bettina Gräf, Foto Sabine Portig

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Biologischen Station Hochsauerlandkreis , Bettina Gräf, berichtete in ihrem Vortrag „Wie schmätzt´s im Hochsauerlandkreis? Braunkehlchen-Schutz im Hochsauerlandkreis“, dass das Braunkehlchen außerhalb der Nuhnewiesen aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft im Hochsauerlandkreis so gut, wie verschwunden ist. Bettina Gräf konnte aufzeigen, dass das im Rahmen eines Life-Projektes „Medebacher Bucht“ für das Naturschutzgebiet „Nuhnewiesen“ initiierte Braunkehlchen-Schutzmanagement sehr erfolgreich umgesetzt wird. Das zum größten Teil im Eigentum der NRW-Stiftung befindliche Gebiet wird nach einem von der Biologischen Station Hochsauerlandkreis entwickelten und betreuten Bewirtschaftungskonzept, mit später (15.7.) und sehr später Mahd (1.8.) sowie Wechselbrachen, im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms bewirtschaftet. Auf diese Weise konnte der dortige Bestand von 1999 mit 29 Revieren auf derzeitig ca. 60 Reviere verdoppelt werden. Bettina Gräf machte deutlich, dass das Erfolgskonzept in den Nuhnewiesen neben der Tatsache, dass diese größtenteils im Eigentum der NRW-Stiftung sind, auf der guten Zusammenarbeit der örtlichen Akteure (Landwirtschaft, Naturschutz und Behörden) basiert. Anschließend wies sie auf die negativen Einwirkungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) auf den Grünlandnaturschutz durch die ungleich höhere Förderung der „Direktzahlungssäule“ im Vergleich zur Förderung der „Säule Ländlicher Raum“ hin.

Bettina Fels und Michael Frede, Foto Sabine Portig

Bettina Fels und Michael Frede, Foto Sabine Portig

Michael Frede, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein und Koordinator der Arbeitsgruppe Wiesenbrüter Siegen-Wittgenstein und Thomas Müsse, stellvertretender Vorsitzender des NABU Siegen-Wittgenstein und Koordinator der Arbeitsgruppe Wiesenbrüter Siegen-Wittgenstein, stellten die Bestandsentwicklung, Gefährdung und Schutzmaßnahmen von Braunkehlchen und Wiesenpieper im Kreis Siegen-Wittgenstein vor. Da der Kreis Siegen-Wittgenstein mit derzeitig ca. 95 Braunkehlchenrevieren die größten Vorkommen in NRW aufweist, hat er landesweit eine besondere Verantwortung zum Erhalt dieser Art. Die Arbeitsgruppe Wiesenbrüter Siegen-Wittgenstein konnte in Zusammenarbeit mit der Biologischen Station und dem LANUV/Vogelschutzwarte NRW aufzeigen, dass die Bestände des Braunkehlchens im Kreis Siegen-Wittgenstein außerhalb der Kerngebiete bei Lippe und Holzhausen stark abgenommen haben. Seit 1995 ist der kreisweite Bestand um ca. 50% zurückgegangen. Noch gravierender steht es im Kreis Siegen-Wittgenstein um den Wiesenpieper. Dieser musste seit 1995 einen Bestandsrückgang von über 60 % hinnehmen. Hauptursachen für den Bestandsrückgang sind die Mahd während der Brutzeit, zunehmende Gülledüngung, zu hohe Viehbesatzdichten und das Schwinden von grünlandbegleitenden Hochstaudenfluren. In den letzten Jahren ist auch der zunehmende Gehölzaufwuchs in den Lebensräumen zu einem immer größeren Problem geworden. Braunkehlchen und Wiesenpieper benötigen einen guten Rundumblick in ihren Revieren. Dieser wird ihnen aber durch das starke Aufkommen von Gehölzen sukzessive genommen. Biologische Station Siegen-Wittgenstein, NABU-Kreisverband Siegen-Wittgenstein und die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein versuchen diesem Abwärtstrend entgegenzuwirken. Das wichtigste Instrument ist derzeitig der von Biologischer Station und Unterer Naturschutzbehörde betreute und von EU, Land NRW und Kreis Siegen-Wittgenstein finanzierte Vertragsnaturschutz, an dem ca. ein Drittel (ca. 300) der bei der Landwirtschaftkammer Westfalen-Lippe gemeldeten, heimischen Betriebe mit insg. knapp 2000 Hektar auf freiwilliger Basis teilnehmen. Mittlerweile existieren außerhalb der Vertragsnaturschutzflächen so gut, wie keine Wiesenbrüterreviere mehr. Biologische Station, NABU und Untere Naturschutzbehörde führen zudem gezielte Pflegemaßnahmen in Form von Entbuschungen und Brachepflege in Wiesenbrütergebieten durch. Wie sich immer wieder zeigt, lassen sich gezielte Bewirtschaftungs- und Pflegemaßnahmen zugunsten der Wiesenbrüter langfristig am besten in solchen Grünlandgebieten gewährleisten, die im Eigentum des Landes NRW, von Naturschutzstiftungen und Naturschutzverbänden bzw. im Eigentum des Kreises sind. Am Ende des Vortrages dankten die beiden Referenten, allen Personen, die sich am Schutz von Braunkehlchen und Wiesenpiepern im Kreis Siegen-Wittgenstein beteiligt haben, insbesondere Jürgen Sartor aus Burbach-Wahlbach für seinen unermüdlichen Einsatz zum Erhalt dieser beiden Vogelarten.

Zwischen den einzelnen Vorträgen wurden die vorgestellten Möglichkeiten des Braunkehlchen- und Wiesenpieperschutztes von den Tagungsteilnehmern diskutiert.

Diskussionrunde, Foto Sabine Portig

Diskussionrunde, Foto Sabine Portig

Nach einer Kaffeepause moderierte Michael Jöbges den zweiten Vortrags- und Diskussionsblock.

Dr. Klaus Fischer, Foto Peter Fasel

Dr. Klaus Fischer, Foto Peter Fasel

Professor Dr. Klaus Fischer vom Zoologisches Institut und Museum Greifswald und Leiter des Arbeitskreises Westerwald der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz e.V. (GNOR) referierte über „Die Bestandssituation von Braunkehlchen und Wiesenpieper im rheinland-pfälzischen Westerwald“. Er prognostizierte ein dortiges Aussterben von Braunkehlchen und Wiesenpieper in absehbarer Zeit, da Schutzmaßnahmen am fehlenden politischen Willen und der damit verbundenen, mangelnden Durchsetzbarkeit scheitern würden. Im Westerwaldkreis hat der Bestand des Braunkehlchens seit 1982 um ca. 85% abgenommen, der des Wiesenpiepers seit 1997 um ca. 75%! Dr. Klaus Fischer führt die Probleme auf lokale und nicht auf überregionale Faktoren zurück. Im rheinland-pfälzischen Westerwald wird zu früher Mahdbeginn als der entscheidende Rückgangsfaktor angesehen aber auch eine zu frühe Beweidung ist für das Braunkehlchen kontraproduktiv. Hauptgründe dafür sind gravierende Änderungen in der Wiesen- und Weidenutzung in den letzten 20 Jahren. Die Teilnahme am hessischen Vertragsnaturschutz ist für potenzielle Vertragsnehmer immer unattraktiver. Außerdem werden ältere zusammenhängende Brachflächen von den Vögeln als Bruthabitat aufgegeben, da der Bewuchs mittlerweile zu dicht ist. Dr. Klaus Fischer empfiehlt deshalb auch im Westerwaldkreis eine Bewirtschaftung von Wiesenbrüterflächen, egal ob Mahd oder Beweidung, nicht vor dem 15.7., besser noch ab dem 1.8.. Außerdem seien für eine zukünftige Bestandssicherung des Braunkehlchens Flächenkomplexe von über 40 Hektar mit mind. 20 Revieren erforderlich. Am Schluss seines Vortrages wies Dr. Klaus Fischer noch einmal darauf hin, dass lokale Maßnahmen nicht ausreichen werden, sondern dass man großräumig agieren müsse.

Rene Dahmen, Foto© Sabine Portig

Rene Dahmen, Foto© Sabine Portig

René Dahmen, Ministerium der Wallonischen Region, Abteilung Natur und Forsten, Forstamt Elsenborn stellte in seinem Vortrag „Maßnahmen zum Erhalt der letztenWichtigen Braunkehlchenpopulation Belgiens“ eine wenig bekannte Möglichkeit des Pflegemanagements von Braunkehlchenhabitaten vor. Der im Bereich des hohen Venns gelegene Truppenübungsplatz Elsenborn beherbergt mit ca. 130 Brutpaaren die letzte wichtige Brutpopulation des Braunkehlchens in Belgien. Momentan existieren auf dem Truppenübungsplatz ca. 700 ha Trockenheide und 485Hektar Bärwurzwiesen. Aufgrund der Ausweisung als Truppenübungsplatz im Jahr 1892 durch Preussen konnte sich hier die typische Hochardennenlandschaft wie sie überall im 19. Jahrhundert verbreitet war, erhalten. Dies verhinderte den Einzug von Fichten und Dünger. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung der Flächen erfolgte in Teilbereichen nur noch bis 1960. Aufgrund der fehlenden Bewirtschaftung und nur lokal aufkommenden, übungsbedingten Bränden waren viele der Lebensräume ab 1985 verbuscht. Um den Übungsbetrieb des Militärs und den Erhalt der schützenswerten Lebensräume aufrecht zu erhalten, war man gezwungen, die Verbuschungen zurückzudrängen. Dies erfolgte durch Fällen, Ringeln und Häkseln von Sträuchern und durch Fräsen, aber vor allem durch das truppenübungsbedingte Auftreten und kontrollierte Legen von Feuer. Letzteres erfolgt insbesondere auf den Trockenheiden und Bärwurzwiesen. In diesem Rahmen wurde von 2006 und 2010 ein Life-Projekt durchgeführt. Im Schnitt brannten zwischen 2002 und 2012 418 ha Fläche pro Jahr. Die künstlich zu legenden Feuer müssen innerhalb kleiner Zeitfenster innerhalb der Übungspausen, akribisch geplant und durchgeführt werden. In der Regel werden die betreffenden Flächen, je nach Lebensraum, alle 2 bis 4 Jahre abgeflämmt. Dass neben vielen seltenen Pflanzen und Tieren auch das Braunkehlchen von diesen Bränden profitiert, zeigt die deutliche Bestandszunahme von 90 Revieren in 2001 auf 153 Reviere in 2015. Allerdings weist René Damen auch darauf hin, dass man sich bei den Braunkehlchenschutzmaßnahmen darüber im Klaren sein sollte, dass man Prioritäten für diese Art setzten muss und andere z.T. ebenfalls gefährdete Arten über diese Maßnahmen nicht fördern kann. Im Anschluss an das Maßnahmenprojekt auf dem Truppenübungsplatz Elsenborn ging René Damen noch kurz auf das von Gerhard Reuter geleitete Braunkehlchenprojekt in der Wallonischen Region ein. Dort konnte der Bestand v.a. durch die Bewirtschaftung im Rahmen des Vertragsnaturschutzes von 40 Brutpaaren in 2011 auf 65 in 2015 gesteigert werden.

Gerd Bauschmann, Foto Sabine Portig

Gerd Bauschmann, Foto Sabine Portig

Gerd Bauschmann von der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland stellte „die Artenhilfskonzepte Braunkehlchen und Wiesenpieper in Hessen“ vor. Auch in Hessen ist die Situation von Braunkehlchen und Wiesenpieper besorgniserregend. Beide Arten werden in der hessischen Roten Liste der bedrohten Brutvogelarten mittlerweile als vom Aussterben eingestuft. Wie eine ADEBAR-Kartierung 2005-2009 zeigte, ist der hessische Braunkehlchenbestand von mindestens 1000 Revieren in 1985 auf maximal 500 Reviere in 2009 gesunken. Auch beim hessischen Wiesenpieperbestand sieht es nicht besser aus. Sein hessischer Bestand wurde 1984 auf ca. 1000 Reviere geschätzt. Für den Zeitraum 2009/2014 geht man von nur noch 500 bis 700 Revieren aus. Aus diesem Grund wurde zwischen 2013 und 2014 die Erstellung von Artenhilfskonzepten für Braunkehlchen und Wiesenpieper von Hessen Forst und der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland veranlasst, die mittlerweile als PDF-Dateien über das Internet heruntergeladen werden können. Inhalt der Artenhilfskonzepte ist eine ausführliche aktuelle populationsbezogene Analyse auf Grundlage der erhobenen Daten sowie Definitionen von Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen mit konkreten flächenbezogenen Maßnahmenvorschlägen für die verantwortlichen Fachbehörden. Gründe für den Rückgang sind der Grünlandflächenverlust und die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung. Anhand diverser Gebiete stellte Gerd Bauschmann die dortige Situation und Bestandsentwicklung der beiden Arten dar. Aus den gewonnenen Daten wurden Schutzmaßnahmenvorschläge erarbeitet. Nach Meinung der staatlichen Vogelschutzwarte sollen Maßnahmen primär an stabilen und individuenreichen Populationen ansetzen. Die kritische Bestandsgröße wird mit 20 Paaren pro Gebiet angegeben. Die Maßnahmen sollen großflächig und weiträumig angelegt werden, mit Kerngebieten von mindestens 10 Hektar, wobei Flächeneinheiten von mindestens 40 Hektar angestrebt werden sollen. Die Schutzmaßnahmenvorschläge sind zudem in sogenannte Gebietsstammblätter eingeflossen, die die Bewirtschaftung gebietsscharf konkretisieren. Seit kurzem bzw. ab 2016 laufen drei größere Schutzprojekte, welche auch die Arten Braunkehlchen und Wiesenpieper mit einschließen.

Ulrike Thiele, Foto Peter Fasel

Ulrike Thiele, Foto Peter Fasel

Ulrike Thiele vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) berichtete über den Vertragsnaturschutz und damit verbundene Förderangebote zur Unterstützung von Braunkehlchen- und Wiesenpieper-Populationen in Nordrhein-Westfalen. In einem kurzen Überblick stellte Ulrike Thiele dar, dass sich im Zeitraum von 2000 bis 2016 die landesweite Netto-Vertragsnaturschutzfläche von 12.866 Hektar auf 27.449 Hektar mehr, als verdoppelt hat. Momentan nehmen landesweit ca. 4.500 Landwirte am Vertragsnaturschutz teil. Dies hängt auch mit der sukzessiven Erhöhung der Vertragsentgelder seit Beginn der Vertragsnaturschutzförderung Mitte der 1980er Jahre zusammen. Das derzeitige Fördervolumen beträgt 16 Millionen Euro pro Jahr! Die Vertragseinwerbung und –Vertragserstellung erfolgt vornehmlich durch Biologische Stationen und Untere Naturschutzbehörden. Im zweiten Teil ihres Vortrages stellte Ulrike Thiele spezielle Förderangebote zur Unterstützung von Braunkehlchen und Wiesenpiepern vor. Diese werden bei Beweidung, je nach Einschränkung der Bewirtschaftung, mit 380 bis 430 Euro pro Hektar und Jahr vergütet. Bei extensiver Wiesennutzung liegen die Prämien, je nach Einschränkung der Bewirtschaftung bei 380 bis 485 Euro pro Hektar und Jahr. Die Bewirtschaftung von ertragsärmeren, oft schwieriger zu bewirtschaftenden, sogenannten Sonderbiotopen wird bei Beweidung mit 380 und bei Mahd mit 595 Euro pro Hektar pro Jahr vergütet. Leider zieht der Vertragsnaturschutz insbesondere verwaltungstechnisch immer größere Herausforderungen nach sich. So haben sich der Verwaltungsaufwand und die Flächenkontrolldichte mittlerweile deutlich erhöht. Hier gelangen sowohl die Antragssteller, aber auch die Antragsbearbeiter an ihre Leistungsgrenzen. Ein weiteres Problem ist die Dauergrünlanddefinition, da diese entscheidend für die Auszahlung weiterer Prämien, insbesondere der für die meisten Betriebe wirtschaftlich unerlässlichen Betriebsprämie ist. Des Weiteren werden die Anforderungen an die Genauigkeit der Flächenabgrenzungen immer größer. Gerade bei Flächen mit einer hohen Biotopdynamik, insbesondere in Form von Brache- und Buschstrukturen, werden sowohl die Bewirtschafter, als auch die Verwaltung vor immer größere Anforderungen gestellt. Nichtsdestotrotz zeigen z.B. der mittlere Deckungsgrad und die Mittlere Artenzahl der Wiesenkennarten, dass diese auf Vertragsnaturschutzflächen fast doppelt so hoch, als auf konventionell bewirtschaftetem Grünland sind. Vertragsnaturschutzflächen in Naturschutzgebieten weisen im Schnitt sogar eine viermal so hohe Wiesenkennartenzahl auf. Somit wird deutlich, dass der Vertragsnaturschutz in NRW derzeitig die wichtigste Maßnahme zum Erhalt artenreicher Grünlandlebensräume ist.

Dr. Peter Herkenrath, Foto Sabine Portig

Dr. Peter Herkenrath, Foto Sabine Portig

In der Abschlussdiskussion fasste Peter Herkenrath, Leiter der Vogelschutzwarte NRW im LANUV, die während des Vortragsblocks als besonders relevant eingestuften Maßnahmen sowie Forderungen an die Politik und die Rückgangsursachen in Bezug auf Braunkehlchen und Wiesenpieper zusammen:1. Maßnahmen:
• Maßnahmen bringen etwas!
• Mahd und Beweidung dürfen nicht vor dem 15.7. (besser 1.8.) erfolgen.
• Nährstoffarmut (Aushagerung)
• Vernässung
• Entbuschung
• Sitzwarten
• Lenkung Freizeitbetrieb
• Kooperation mit Landwirten
• Öffentlichkeitsarbeit
• Braunkehlchen vs. Neuntöter?
• Was genau hilft dem Wiesenpieper?
• Grenzüberschreitendes LIFE-Projekt (NRW, Rheinland-Pfalz, Hessen)
• Gebiete in NRW mit Option für Feuermanagement?
• Monitoring des Bruterfolgs

2. Forderungen an die Politik:
• Flächenerwerb
• Vertragsnaturschutz
• Prämienhöhe
• Maßnahmentermine
• GAP-Anpassung

3. Rückgangsursachen:
• Ursachen liegen im Brutgebiet!
• Fang/Jagd während Zug
• Klimawandel
• Austausch zwischen Gebieten
• Sind Rückgangsursachen beim Wiesenpieper: ausreichend bekannt?

Beim anschließenden Abendessen im Fiesterhannes gab es noch reichlich Zeit, über die v.a. während der Vorträge gewonnenen Erkenntnisse zu diskutieren.

Michael Frede bei der Exkursion ins Buchhellerquellgebiet, Foto Sabine Portig

Michael Frede bei der Exkursion ins Buchhellerquellgebiet, Foto Sabine Portig

Am nächsten Morgen starteten die Tagungsteilnehmer pünktlich um 9.00 Uhr bei Sonnenschein mit dem Bus zu einer von der Biologischen Station und der regionalen Wiesenbrüter-Arbeitsgruppe geleiteten Exkursion in zwei siegerländer Wiesenbrütergebiete. Das erste Exkursionsziel bildete das NSG und FFH-Gebiet „Buchhellerquellgebiet „ bei Burbach-Lippe, eines der drei nordrhein-westfälischen Wiesenbrüterkerngebiete. Michael Frede und Peter Fasel (wissenschaftlicher Leiter der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein) berichteten den Exkursionsteilnehmern über die wichtigsten Arten und Lebensräume . Sie wiesen auf die Verteilung der Reviere von Braunkehlchen und Wiesenpieper im Gebiet hin und stellten die Bewirtschaftung im Rahmen des Vertragsnaturschutzes sowie die Pflegemaßnahmen zum Schutz der Wiesenbrüter vor. Außerdem berichteten sie, dass große Teile des von der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein betreuten Gebietes mittlerweile im Eigentum der NRW-Stiftung sind.

Peter Fasel bei der Exkursion ins Buchhellerquellgebiet, Foto Sabine Portig

Peter Fasel bei der Exkursion ins Buchhellerquellgebiet, Foto Sabine Portig

Da im Buchhellerquellgebiet auch die zur Zeit wichtigsten Vorkommen vom Blauschillernden-Feuerfalter Lycaena helle und vom Skabiosen-Scheckenfalter Euphydryas aurinia innerhalb von NRW existieren und damit im Gebiet eine herausragende nrw-weite Verantwortung auch für diese beiden Arten besteht, muss die Grünlandbewirtschaftung sowohl den Schmetterlingsarten, als auch den Wiesenbrütern Rechnung tragen. Dies wird erreicht, indem die dafür zuständigen, beiden Landwirte Teile des Schutzgebietes vorrangig zum Schutz der dort vorkommenden Schmetterlingsarten nur jahrweise mosaikartig mähen oder beweiden, wohingegen ein Teil der Wiesenbrüterhabitate jährlich nach dem 15.7. unter Beibehaltung von Brachen entlang der Buchheller gemäht und der andere Teil sehr extensiv beweidet wird. Außerdem finden fast alljährlich Entbuschungs- und Mulchmaßnahmen durch den Pflegetrupp des Kreises Siegen-Wittgenstein und durch Unternehmer auf den sehr unwegsamen Bereichen der Hirtenwiese statt, um diese langfristig sowohl für die Wiesenbrüter, als auch für die betreffenden Schmetterlingsarten zu erhalten. Von den Exkursionsteilnehmern wurde diskutiert, welche zusätzlichen Möglichkeiten der Förderung von Braunkehlchen und Wiesenpiepern im Buchhellerquellgebiet empfehlenswert wären. Dazu gehörte v.a. weitere Entbuschungsmaßnahmen sowie eine zukünftige, zumindest abschnittsweise Öffnung der Baumhecken in der Hirtenwiese. Neben den bereits im Brutgebiet eingetroffenen Wiesenpiepern konnten bereits die ersten Braunkehlchen und ein Männchen des Schwarzkehlchens beobachtet werden. Auch die im April vor Ort fast allgegenwärtigen Ringdrosseln ließen sich auf der Hirtenwiese blicken.

Exkursion in die Gernsdorfer Weidekämpe, Foto Sabine Portig

Exkursion in die Gernsdorfer Weidekämpe, Foto Sabine Portig

Anschließend fuhr die Exkursionsgruppe in die Gemarkung Gernsdorf, um dort im NSG und FFH-Gebiet Gernsdorfer Weidekämpe über eines der wenigen stabilen Wiesenpieper-Vorkommen im Kreis Siegen-Wittgenstein informiert zu werden. Michael Frede und Peter Fasel berichteten auch hier über die besonders schützenswerten Arten und Lebensräume (u.a. existiert hier ein großes Feldlerchen-Brutvorkommen und das mit ca. einer Million Individuen bedeutendste Vorkommen von Geflecktem Knabenkraut und Grünlicher Waldhyazinthe in NRW) und über die Bewirtschaftung im Rahmen des Kulturlandschaftsprogrammes. Die im Eigentum der NRW-Stiftung befindlichen Grünlandflächen werden vor Ort vom NABU Siegen-Wittgenstein betreut. Für die Koordination der Mahd und Beweidung im Rahmen des Kulturlandschaftsprogrammes ist die Biologische Station Siegen-Wittgenstein vor Ort zuständig. Auf den Wiesenbrüter-Kernflächen erfolgt die Mahd und die Beweidung erst nach dem 15.7.. Auf Randflächen ist die Mahd bereits ab 1.7. gestattet. Außerdem bleiben in jedem Jahr die insbesondere für Braunkehlchen erforderlichen Brachebereiche von der Bewirtschaftung ausgeschlossen.

Manuel Graf bei der Exkursion in die Gernsdorfer Weidekämpe, Foto Sabine Portig

Manuel Graf bei der Exkursion in die Gernsdorfer Weidekämpe, Foto Sabine Portig

Manuel Graf, ehrenamtlicher Gebietskenner und Mitglied des Arbeitskreises Wiesenbrüter in Siegen-Wittgenstein berichtete über die Verteilung der Wiesenpieperreviere in der Gernsdorfer Weidekämpe und über die Schwierigkeit des Erfassens von Wiesenpiepern in individuenstarken Populationen während der Brutzeit sowie über das seit einigen Jahren nur noch sporadische Auftreten von revieranzeigenden Braunkehlchen in der Gernsdorfer Weidekämpe. Anschließend wurde diskutiert, wie man das Braunkehlchen zukünftig vor Ort noch gezielter fördern könne. Da die Experten an der gegenwärtigen Bewirtschaftung nichts auszusetzen hatten, wurde vorgeschlagen, die noch verbliebenen Einzelbüsche auf der Weidefläche und zumindest Teilbereiche der Baumhecken an der Weidefläche vorbehaltlos zu entfernen, um weiteren Raum für das Braunkehlchen zu öffnen, da Braunkehlchenschutz und Schutz von heckenbewohnenden Arten sich in Braunkehlchenbrutgebieten kaum in Einklang bringen lassen.

Gegen Mittag fuhren die Teilnehmer wieder zurück nach Holzhausen und wurden dort von Michael Jöbges und Michael Frede verabschiedet. Organisatoren und Teilnehmer waren sich einig, über den erfolgreichen Verlauf dieser interessanten Expertentagung. Die Vorträge und Ergebnisse der Tagung sollen zu gegebener Zeit an anderer Stelle veröffentlicht werden.

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