Mittlerweile können wir in Siegen-Wittgenstein fast ganzjährig große weiße Vögel an unseren Gewässern und im Grünland beobachten. Es handelt sich dabei nicht etwa um Störche, wie ein erster schneller Blick suggerieren mag, sondern um Reiher. Genauer gesagt, um Silberreiher.

Noch vor wenigen Jahrzehnten stellte die Beobachtung dieser Vogelart in Deutschland eine extreme Seltenheit dar. Im Laufe der Jahre hat sich diese Situation jedoch deutlich geändert. Silberreiher gehören jetzt, insbesondere das Winterhalbjahr über, auch im Kreis Siegen-Wittgenstein, zu einem vertrauten Anblick im Offenland. Mittlerweile kann man im Winter z.B. im Edertal mehr Silberreiher, als Graureiher (ehemals ungerechterweise als Fischreiher verschrien) beobachten, obwohl Letztere zu den heimischen Brutvögeln gehören.

Warum treten Silberreiher hauptsächlich im Winterhalbjahr in großen Mengen bei uns auf und nur vergleichsweise selten im Sommer? Man geht momentan aufgrund der Ablesung von beringten Silberreihern davon aus, dass es sich hauptsächlich um Zuzügler aus dem östlichen Europa handelt. Besonders dort scheinen die Bestandszahlen dieser Vogelart wieder deutlich zugenommen zu haben, nachdem ihre Bestände zum Beginn des 20. Jahrhunderts gnadenlos für die damalige Damenmode zusammengeschossen wurden. Zu hübsch schienen ihre Schmuckfedern an den früheren Damenhüten, als dass man sie den unglücklichen Vögeln überlassen wollte. Offensichtlich weichen die Vögel zum Herbst hin von ihren osteuropäischen Brutgebieten nach Mitteleuropa aus, um dort die insbesondere im Grünland reich gedeckten „Tische“ zu nutzen. Anstatt in der grimmigen Winterkälte Osteuropas mühsam auszuharren, ist es für Silberreiher sicherlich vorteilhafter, die bei uns (noch!) reichlich vorhandenen Wühlmäuse auf Wiesen und Weiden als relativ leicht zu erbeutende, energiereiche Nahrungsquelle sowie Fische in abgelassenen Teichen und an flachen Fließgewässerbereichen zu jagen. Dieses Verhalten wird durch die Anzahl alljährlich abertausender überwinternder Silberreiher allein in Deutschland eindrucksvoll unterstrichen. Außerdem haben diese, nach EU-Recht ganzjährig besonders geschützten, Vögel in Mitteleuropa eine Bejagung nicht mehr zu fürchten, obwohl vereinzelte Jagdvergehen leider auch gegenwärtig nicht auszuschließen sind.

Michael Frede